Freitag, 12. August 2011

Wickelkommode

Anfang des Jahres meldete sich ein Arbeitskollege bei mir mit der frohen Botschaft, dass seine Frau schwanger sei - das erste mal. Was gibts Schöneres? - Nein, denkt nicht mal an den 80 Jahre alten, limited Edition Stanley Hobel! Wo war ich? Ach ja - mein Arbeitkollege fragte mich ob, ich seinen alten Schreibtisch zu einer Wickelkommode umbauen könnte.

Da ich zu diesem Zeitpunkt auf einem Lehrgang war, ließ ich mir erstmal ein paar Bilder schicken:








Die Substanz schien schon mal gar nicht so schlecht zu sein, also schaute ich mir den alten Tisch erstmal vor Ort an. Kurz eine kleine Zeichnung gemacht und schon bekam ich den Auftrag.

Die Planung:
Um die Kommode einigermaßen ergonomisch zu gestalten, habe ich noch die Hüfthöhe der werdenden Eltern ausgemessen. Um für die Eltern und - ja ich gebs zu - auch für mich einen besseren Eindruck zu erhalten, hab ich den groben Plan erst mal in Google SketchUp umgesetzt.


Später wurde die obere Platte allerdings nochmals unterteilt. Bei der Höhe des Abrollschutzes habe ich meine Schwestern befragt, die hier auch schon Erfahrung gemacht haben - nicht mit herunterstürzenden Kindern, sondern allgemein mit ihren Kleinen.

Der Bau:
Zuerst habe ich von den einzelnen Kästen die nicht mehr notwendigen Füße abmontiert. Natürlich hätte man die Kästen auch direkt zusammenschrauben können, doch aus optischen Gründen entschied ich mich, um die angebrachten Ornamente zu trennen, eine ca. drei Zentimeter schmale Leiste einzusetzen. Um das Ganze zu stabilisieren wurden noch ein weiteres Klötzchen an der Seite und zwei Leisten am Boden befestigt und schließlich die beiden Kästen zusammengeschraubt.


Nun hatte ich eine kleine Nuss zu knacken - der Tisch war sicherlich gute 20 Jahre alt, also hat das Fichtenholz altern können und hat entsprechend Charakter bekommen. Die Tischlerplatte vom Holzhandel war aber natürlich jung und eigentlich nur hell. Also ging ich zu meinem lieben Bekannten und siehe da, er hatte noch eine alte Tischlerplatte rumstehen. Einen Teil musste ich schließlich doch noch selbst besorgen und wurde für den Zwischenboden und Rückwand verwendet. Hier seht Ihr erst mal den ersten Zusschnitt:


Für die vordere und hintere Querstrebe wurde erst mal mit der Stichsäge eine kleine Ausklinkung gemacht.


Mal wieder testen, ob noch alles zusammen passt:


Und dann ging sie wieder los: Die Lamello-Orgie. Wie man sehen kann, hab ich ein oder zwei Lamellos zu viel gesetzt. Aber der Nachwuchs soll ja schließlich sicher liegen:


Ok ich gebs zu, es sind doch zu viele gewesen, aber seid doch ehrlich, wer kann bei so einer tollen Maschine widerstehen?!


Natürlich verlangt das setzen der Verbinder auch entsprechende Tests, damit beim Verleimen alles rund läuft.


Die Verbindung der oberen Querstreben mit dem Mittelteil wurde mit Runddübeln geplant. Daher wurden die Löcher mit dem Bohrständer vorgebohrt.


Und nun kam des Grauen erster Teil: Schleifen. Ja ich bekenne mich offen dazu, ich hasse es zu schleifen. Ich bin zwar am Ende stets zufrieden mit dem Ergebnis, aber der Staub, der dauernde Lärm und Gesurre, geht mir gehörig auf die Nerven.
Wie berichtet waren einige Tischlerplatten schon länger auf Lager oder bereits im Einsatz gewesen. Also mussten die Spuren entsprechend beseitigt werden. Ich denke, es gelang mir recht gut, wie man hier sehen kann. Im unteren Teil sieht man den geschliffenen Teil und auch die hässlichen Wasserflecken waren schnell weg.


Leimzeit - endlich konnte ich meine über das Woodworking.de-Forum erworbenen langen Schraubzwingen einsetzen... und viele andere. Das mittlere Brett wurde mit Runddübeln verleimt.


Um die Wickelauflage besonders sauber zu schneiden durfte ich bei meinem Bekannten die Zuschnitte machen. Die alte Tischplatte diente als Auflage...


Außerdem wurden als Fallschutz noch Bretter zu geschnitten:


Wieder zurück in meiner Werkstatt habe ich Anleimer grob abgelängt...


...und mit der Gehrungssäge aufs genau Maß zugesägt.


Wieder wurde alles verleimt und mit reichlich Zwingen festgeklemmt.


Nachdem der Leim grob abgebunden hatte, wurden die Überstände mit dem Hobel abgetragen.


Der Rollschutz sollte eine schmeichelndere Form bekommen, damit sich ein strampelndes Kind nicht so leicht anstößt. Also hab ich mit dem Zirkel, den ich erst kurz vorher von meiner lieben Freundin bekommen hatte, vorgezeichnet...


...und mit meiner Stichsäge zugeschnitten.


Um ein gleichmäßiges Schleifergebnis zu bekommen, wurden die drei Bretter schnell zusammengeklemmt und geschliffen.


Dann wurden die Leisten aufs rechte Maß abgelängt.


Für eine ordentlich stabile Verbindung kam wieder die Lamello zum Einsatz.


Was will man mehr... Frühstück mit meinem Schatz in der Werkstatt :o)


Nach dieser Stärkung wurden die Kanten mit der Oberfräse gebrochen und ein letztes Mal die Passung geprüft, um dann...


... wieder alles mit Leim und vielen Zwingen zu verbinden.


Und dann ging's nochmal an den Feinschliff. Ich sage Euch, das war kein Spaß, ich habe dafür fast einen ganzen Tag gebraucht, da der Tisch nach den vielen Jahren recht "speckig" war. Am laufenden Band war das Schleifpapier zugeharzt und die Ornamente musste ich sowieso per Hand schleifen.
Spaß sieht anders aus, aber es hat sich gelohnt.

Dann kam mein Bekannter vorbei und wir haben die einzelnen Teile verladen und an den Bestimmungsort gebracht. Dort wurden die drei Teile miteinander verschraubt. Da ich schon zuvor getestet hatte, lieh ich mir bei einem anderen bekannten Hobbyschreiner einen Festool Akkuschrauber aus. Der Winkelaufsatz war hier äußerst hilfreich, um nicht zu sagen unverzichtbar.

Und so schaut das Endergebnis aus:


Das Fazit:
Die Planung und vor allem der Bau waren toll. Die Herausforderung aus etwas Altem etwas Neues schaffen. Was will man mehr? Nach dem Aufbau musste ich sehr zur Verwunderung meiner Bekannten etwas fluchen - fällts Euch auf? Ich hatte im Mittelteil nicht auf den Verlauf der Maserung geachtet.
Ansonsten bin ich mit dem Ergebnis äußerst zufrieden. Es ist - so hoffe ich doch - ergonomisch auf die Eltern abgestimmt, die Schubladen erlauben es, Wäsche aufzubewaren und der Mittelteil ist praktisch für Handtücher und Windeln.
Die Auflage ist schön groß dimensioniert und die zusätzliche Abtrennung erlaubt es, in Griffweite Feuchttücher, Spielzeug, einen kleinen Abfalleimer oder was man halt noch so mit und für die kleinen Buzzis braucht, zu haben.

Ich hoffe, mein Arbeitskollege und seine Frau werden damit gut zurecht kommen.
Ebenso würde es mich freuen, wenn Ihr aus meinen Ausführungen ein paar Ideen aufschnappen konntet.

Liebe Grüße und vor allem ganz viel Glück den frisch gebackenen Eltern.

Euer

Martin :o)

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